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Aktueller Artikel:

Kühne Antworten auf das große Warum
Zum 300. Todestag von Gottfried Wilhelm Leibniz.
In:
Christ in der Gegenwart. Ausgabe 46/2016. S. 513f.


Neuer Beitrag:


Ankommen und Weiterziehen.
Über Pilger und Konvertiten.

In: Herder Korrespondenz - Spezial (Herbst 2016):
Nach der Glaubensspaltung. Zur Zukunft der Ökumene. S. 48-52.

Vgl. die Homepage:
https://www.herder-korrespondenz.de/heftarchiv/70-jahrgang-2016/nach-der-glaubensspaltung-zur-zukunft-des-christentums


Empfehlenswert:
Die Buchbeilage von "Christ in der Gegenwart" (Herbst 2016).
Darin meine Rezension der großartigen Leibniz-Biographie von
Eike Christian Hirsch: Der berühmte Herr Leibniz (Neuauflage 2016).
Online nachzulesen:
http://www.christ-in-der-gegenwart.de/aktuell/extras/elvis_img/cig/0004566190_0001.pdf



Aktueller Buchbeitrag:


Keiner kommt unverändert zurück. Das Pilgermotiv in neuer
deutschsprachiger und polnischer Literatur.
In: Aleksandra Chylewska-Tölle (Hrsg.):
Perspektiven eines Dialogs. Studien zu deutsch-polnischen
Transferprozessen im religiösen Raum.
Berlin (Logos Verlag) 2016, 169-182.


***
Ende Juli bis Ende Oktober 2014 war ich
zu Fuß unterwegs - vom rheinischen Köln
in das russische Königsberg / Kaliningrad.

Die Buchpublikation:
Wo bitte geht's nach Königsberg?
Eine Wanderung von West nach Ost

erscheint im EOS-Verlag, St. Ottilien,
im Frühling 2017.

Der Reiseblog ist auf der Homepage
der Zeitschrift "Christ in der Gegenwart"
nachzulesen:

Ein Reiseblog


***

Die aktuelle Reihe mit geistlichen Leitartikeln in:
"Christ in der Gegenwart" (Freiburg, Herder Verlag):

Immer weniger sagen
-
Ausgabe 30/2016
Das Erstbeste - und das Gute -
Ausgabe 31/2016
Kein Plan B -
Ausgabe 32/2016


Vgl. auch einige Gedanken über das Gehen:
Zu Fuß geht alles besser.
Warum es gut tut, das Tempo von der Seele zu nehmen.
In: einfach leben
(Verlag Herder, Themenheft Frühling 2016), S. 14f.






Hinweis:

Geistliche Leitartikel in "Christ in der Gegenwart":

- Was hast du erwartet?
(Ausgabe 43/2015)
Heilige sind nicht bescheiden
(Ausgabe 44/2015)
- Viel und wenig
(Ausgabe 45/2015)



Aktuellere Publikationen:


Soeben erschienen:

Aleksandra Chylewska-Tölle / Christian Heidrich (Hrsg.):
Mäander des Kulturtransfers
Polnischer
und deutscher Katholizismus
im 20. Jahrhundert

Berlin (Logos Verlag) 2014
Nähere Infos





In diesem Band auf S. 249-275 der Aufsatz:
Die neue Frage nach Gott und Kirche.
Ein Blick auf "Tygodnik Powszechny"
und "Christ in der Gegenwart"



Geistliche Leitartikeln in:
Christ in der Gegenwart:

- Unmöglich und wunderbar (Ausgabe 22/2015)
- Noch einmal: Die Eltern (Ausgabe 23/2015)
- Belehrte Unwissenheit (Ausgabe 24/2015)


Vgl. die Homepage der in Freiburg erscheinenden
Wochenzeitschrift


***

Ein Blick auf den Krakauer "Tygodnik Powszechny":

Was an der Zeit ist

(aus: "Christ in der Gegenwart", Ausgabe 7 / 2014)




***

"Christ in der Gegenwart", Ausgabe 3 / 2014:

DIE FLÜGEL DES MENSCHEN


Zum neuen Gedichtband des walisischen Dichters R. S. Thomas.


Er war Waliser, Priester der anglikanischen Kirche, Poet und ein passionierter „Birdwatcher“, Vogelbeobachter. Eine Reihenfolge zu erstellen wäre müßig und ganz und gar nicht im Sinne von Ronald Stuart Thomas (1913-2000), der stets an der Peripherie nach Antworten suchte, fern von großen Wort- und Menschenansammlungen. So verbrachte Thomas sein berufliches Leben in den kleinsten walisischen Gemeinden, und die Poesie wählte er wohl, weil diese von allen Schreibkünsten die wenigsten Worte macht. Zwischen 1946 und 1995 veröffentlichte er rund dreißig Gedichtbände, die beim literarischen Publikum durchaus für Aufsehen sorgten. Bei Filmaufnahmen in Wales, so erzählt sein Biograf Byron Rogers, wollten die Hollywood-Schauspieler Richard Burton und Elizabeth Taylor den Dichter unbedingt treffen. Das arrangierte Abendessen mit dem „Landpfarrer“ wurde wegen Thomas’ Wortkargheit jedoch zum Desaster. Im Jahre 1995 wurde Thomas für den Nobelpreis vorgeschlagen. Offensichtlich brauchen große Werke keine Metropolen und keinen Literaturbetrieb, vielmehr einen wachen Geist. Das gilt auch für die Vogelbeobachtung aus dem Band „Auf das Meer schauen“:

„Ah, doch ein seltener Vogel ist
selten. Gerade dann, wenn man nicht schaut,
wenn man nicht zugegen ist,
kommt er.
Du musst Ausschau halten,
bis zur Erschöpfung,
bis deine Augen wund sind
wie die Knie der Beter.“

In diesen Versen benennt der Dichter nicht nur seine „Birdwatching“-Erfahrungen, beiläufig deutet er auch an, wie sich eine Gottsuche gestalten kann: Ausschau halten, überfordert sein, schweigen, sich gedulden, knien, es noch einmal versuchen. Wer die Gedichte von Thomas kennt, weiß, dass damit - fast - alles gesagt ist. Manche hochgesteckten Erwartungen mag dies enttäuschen. Ein „seltener Vogel“ ist nun einmal selten, und der „Birdwatcher“ weiß genauso wie der Gottsucher häufig nur von Versäumnissen und Wunden zu berichten. Hier lässt sich nichts „dingfest“ machen.

Die große Abwesenheit

Gleichwohl, der Vogel, er ist da. Wählt man einen gelehrten Begriff für diese Spannung, spricht man von der „Via negativa“, dem „verneinenden“ Weg, der in der mystischen Tradition eine zentrale Rolle spielt. Es geht um die Einsicht, dass unsere Sprache zu ungenügend ist, um Göttliches auszudrücken. Von Gott, so ein durchaus klassischer theologischer Leitsatz, können wir am ehesten aussagen, was er nicht ist. Mit „positiven“ Zuschreibungen müssen wir höchst vorsichtig sein und letztlich alles noch einmal einklammern und durchkreuzen. Auch der Poet aus Wales, keinesfalls ein Jongleur mit uneinlösbaren Schecks, ein nüchterner Erforscher des Innenlebens vielmehr, nahm Gott vor allem in seiner Verborgenheit, als „Deus absconditus“ wahr. In einem 1978 veröffentlichten Gedicht mit dem Titel „Die Abwesenheit“ heißt es:

„Es ist die große Abwesenheit,
die wie eine Gegenwart ist, die mich
zwingt, sie anzusprechen ohne Hoffnung
auf eine Antwort. Sie ist ein Zimmer, das ich betrete,
das jemand soeben verließ; die Vorhalle für die Ankunft
von einem, der noch nicht gekommen ist.“

Thomas, ein geduldig Wartender „in der Vorhalle“, hegt und bewahrt ein Geheimnis, das für manche nur noch ein Gerücht ist. Er erklärt uns die „große Abwesenheit“ nicht, er meditiert darüber, verstreut Metaphern und weist darauf hin, dass es ohne Warten und die beharrliche Anrede nicht geht. Gott bleibt auch für den redlichen Sucher ein verhüllter, ein schweigender Gott. Und sogar das Kreuz, ein paradoxes Zeichen der Liebe, ist für Thomas häufig genug „unbewohnt“. Nur manchmal gelingt es uns, eine Verbindung zum österlichen Geheimnis zu finden. Dann „rollt ein Stein“ vom Verstand, und „die alten Fragen liegen… / zusammengefaltet wie die aufeinandergelegten / Grabtücher des auferstandenen Leibes der Liebe“, wie es in „Die Antwort“ heißt. Ein solches österliches Aufleuchten ist freilich selten; im Alltag, am langen Karsamstag, müssen wir uns mit „Kargen Liturgien“ begnügen:

„Statt des Altars
die Kanzel. Statt
des Brotes der Bruch
der Sprache. Und Gott
ein Schatten seiner selbst
an einer leeren Wand.“

Diese Verse stammen aus dem neuen, zweisprachigen Band „In zierlichen Schlingen“ von Thomas, den der Verleger, Übersetzer und Lyriker Kevin Perryman verantwortet hat. Es ist bereits die sechste Gedichtsammlung des Priesterpoeten in dem exquisiten, manche Kostbarkeit hütenden Babel Verlag. Durch die chronologische Abfolge erkennt der Leser die Hartnäckigkeit, mit der sich Thomas den großen Fragen unserer Existenz gestellt hat, ihnen eine überraschende, unsentimentale Pointe abzuringen wusste. Das gilt auch für unsere Gottsuche. In religiös kargen Zeiten verträgt sie keinen liturgischen Pomp, umso mehr darf sie offen sein für ungewöhnliche Weitungen. Thomas, dem der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen eine „Orni-Theologie“ zuschreibt, eine Verbindung aus Vogelsuche und Gebet, blickt dabei gern auf die Migranten am Himmel, die „Zugvögel“:

„Es genügt, dass uns Flügel gegeben wurden
und eine Nadel im Kopf,
um anzusprechen auf seinen rauen Norden.
Es gibt Zeiten selbst am Pol,
da auch er innehält in seinem Rückzug,
damit es dort hell ist die ganze Nacht.“

Unseren Blick nach oben zu lenken, ist ein kühner Versuch. Es geht um die Zugvögel und ihre langen Reisen, um den Wind und die Polarnächte - vielleicht aber auch um unsere „Flügel“ und unsere „Nadel im Kopf“. Und vielleicht gar um den Unaussprechlichen selbst, der sich zurückzieht und doch alles erhellt. Wofür unsere Flügel taugen, an welchem Pol es „hell ist die ganze Nacht“, das herauszufinden ist nicht einfach. So leichtsinnig und so zielsicher wie die himmlischen Migranten sind wir nicht. Anmut und Höhe liegen uns nicht in den Genen. Was uns aber auszeichnet, ist die Vielfalt unserer Reisemittel.

Das große Entschlüsseln

Die Sprache zuvörderst, mit der wir die Welt deuten und überschreiten, die Technik, die uns „nach oben“ zu bringen vermag, die Fähigkeit zu staunen, sich mit dem Vordergründigen nicht zu begnügen. Sprache, Technik, Staunen - das sind auch für Thomas komplexe, unausschöpfliche Marken unserer Existenz, gleichsam unsere Flügel. Nicht selten verknüpft er diese Eigenschaften, so in „Anrufen“ und „Nummern“, zwei Gedichten, die das Telefon als ein Symbol unserer nie endenden Suche sehen. „Wir dürfen damit / jeden anrufen außer Gott“, heißt es so schlicht wie bedrückend. Thomas erzählt von der „Versuchung“, auch hier zu experimentieren, nach einer entsprechenden Zahlenkombination zu suchen. Ein „göttliches Fauchen“, gar ein „Gott am Apparat“ wird wohl für immer ein zweifelhafter Traum bleiben. Doch kann auch bei diesem häufig grimmig wirkenden Poeten die Phantasie siegen. In „Nummern“ möchte er mittels Tonband eine göttliche Botschaft auffangen, um sie künftigen Generationen zum Dechiffrieren, zum Entschlüsseln zu überlassen:

„Stell dir das Ereignis vor, wenn -
bei einer Umkehrung der Speisung
der Fünftausend - aus all dem
eingespeisten Material
der Rechner seine zwei
Töne liefert, schlüpfrig
wie Fische, und die Liebe sich einfindet
wie ein unmittelbar bevorstehendes
Wunder: der halbe Laib,
der besser ist als gar kein Brot.“

Welch ein phantastisches Stück Theologie, ein verwirrendes Spiel mit scheinbar Bekanntem. Das finale Ereignis, auf welchen elektronischen Wunderwerken auch immer erzeugt, die Liebe? Eine letzte - oder schon wieder erste - Erinnerung an den Rabbi aus Nazaret, an unseren Hunger, der so einfach wie unmöglich zu stillen ist?

Der Leser der Gedichte von R.S. Thomas muss mit überraschenden Wendungen rechnen, deren funkelnde Logik er sofort oder erst bei geduldiger Meditation begreift. Immer wieder, wenn es um Weihnachten geht oder um die keiner „Erwachsenenlist“ zugängliche Welt der Kinder, schafft es Thomas, mit knappen Strichen seine Leser zu bezaubern. So auch in dem 1972 veröffentlichten zweistrophigen „Madam“:

„Und wenn du sie fragst,
hat sie keinen Namen;
aber ihre Augen sagen,
Wasser ist kalt.

Sie ist drei Jahre alt
Und bereit zu küssen;
aber ihre Lippen sagen,
Äpfel sind sauer.“

Das Gedicht braucht keine „Interpretation“. Jeder war ein Kind und kann Geschichten aus einer Welt erzählen, in der das Spiel und nicht das „analytische Auge“ herrscht. Ronald Stuart Thomas kann auch an Leichtsinniges erinnern, und wenn er so häufig mit Gott und der Welt hadert, dann deshalb, weil er Ihm und uns mehr zutraut. „Und doch sah er auf und lächelte, als er vorbeiging“, heißt es am Ende eines Gedichtes, das von wunden Füßen und einer zerfurchten Stirn spricht.

Literatur:
R. S. Thomas: „In zierlichen Schlingen“. Gedichte.
Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Kevin Perryman (Babel Verlag, Fuchstal 2013, 79 Seiten)




Liturgischer Impuls



Mysterien


Als ich im Berliner Hauptbahnhof aussteige, sehe ich zwei junge Menschen, die aufeinander zurennen. Die weltliche, lichtdurchflutete Kathedrale interessiert sie in diesem Augenblick überhaupt nicht. Sie scheinen nicht zu atmen. Sie schweben. Die ganze Welt ist für sie auf zwei Punkte, zwei Herzen zusammengeschrumpft. Als ich an ihnen vorbeigehe, liegen sie sich in den Armen. Glückselig und ohne Worte.
„Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt“, lautet ein provozierend-schöner Satz von Joseph Beuys. Versteht man Mysterium in einem engen, religionsgeschichtlichen oder liturgischen Sinne („Geheimnis des Glaubens“), mag das Diktum überzogen scheinen. Wer damit aber die Tiefe des menschlichen Lebens verbindet, das Eigentliche der unruhigen Existenz, wird Beuys zustimmen können. Mit einem Lächeln vielleicht. Denn die Liebe ist ein Mysterium. Die Begegnung zweier Herzen, die liebevolle Umarmung. Das sich Finden, Verlieren und Wiederentdecken ist ein Mysterium. Mit und ohne Worte, mit Blumen oder Tränen. Ein Knotenpunkt des menschlichen Lebens.
Der christliche Glaube lebt von dem Gedanken, dass der unfassbare Gott „in“ einem Menschen selbst Mensch wurde. Wer das ernst nimmt, wird Gott nicht so sehr in glorreichen Höhen suchen, im Antlitz des Anderen vielmehr. Zumal in einem der sich so unendliche Male variierenden menschlichen Antlitze. Das ist so schlicht wie anspruchsvoll, so gewöhnlich wie unergründlich. Eine Liturgie des Alltags. Nicht nur am Hauptbahnhof.

Aus: Hinterbänkler. Begegnungen zwischen Himmel und Erde.
Trier, Deutsches Liturgisches Institut


Neue Reihe:
Geistliche Leitartikel in:
Christ in der Gegenwart


1. Müdigkeit und Glanz (Der Richter und die Witwe), Ausgabe 42/2013
2. Intelligente Demut (Der Pharisäer und der Zöllner), Ausgabe 43/2013
3. Komm schnell herunter! (Zachäus), Ausgabe 44/2013



***

Empfehlung:
Soeben im Hanser Verlag erschienen:
Eine neue Gedichtauswahl des polnischen Nobelpreisträgers Czesław Miłosz
("Gedichte", München 2013)

Vgl. hierzu meine Einführung in sein Werk:

Strategien gegen die Sterblichkeit.
Czes
ław Miłosz sucht Gnade in der
Schwerkraft.
In: Akzente (München), Heft 3 / Juni 2007, 230-248.

auch online:

http://www.planetlyrik.de/czeslaw-milosz-das-und-andere-gedichte/2012/10/


Aus dem Essay:
"Von der Möglichkeit der Täuschung und Selbsttäuschung wußte Mi
łosz genug. Er wagte trotzdem die Reise zum 'zweiten Ufer'. Ausgestattet nur mit dem Kompaß der Poesie, der empfindsam ist, ausdauernd und nicht auf Zustimmung angewiesen." (ebd. 248)


Vgl. auch:

Kontinent Miłosz.
Ein Blick auf die monumentale Miłosz-Biographie
von Andrzej Franaszek.

In: Zarys. Kulturmagazin, Nr. 10/2011, 47-51.



Und wieder:
... ein "neues" Jahr



Das Jahr der Entdeckungen



Naturwissenschaften haben zuletzt viel Aufregendes zutage gefördert. Und was folgt nun im Bereich Spiritualität?


"Was war Ihre persönliche Entdeckungsgeschichte in diesem Jahr? Was machte Sie 2012 glücklich?" Diese Fragen stellte die FAZ an Naturwissenschaftler, Spitzenforscher aus dem deutschsprachigen Raum. Die rund zwei Dutzend Antworten, auf knappe Zeilen verteilt, bezeugen die faszinierende Erkenntniskraft des menschlichen Geistes. So berichtet der Wiener Physiker Anton Zeilinger über ein „überraschend“ geglücktes Experiment aus dem Bereich der Quantenphysik, das auf die Möglichkeit einer „absolut sicheren“ Verschlüsselung eines künftigen Quanten-Internets verweist. Michael Hauschild und Boris Lemmer, Genfer Physiker und Forscher am Teilchenbeschleuniger Cern, wurden 2012 von dem lang erwarteten Durchbruch bei der Suche nach dem Higgs-Teilchen beglückt. Die Bonner Medizinerin Annegret Geipel schildert die Erfolge bei der Therapie von vorgeburtlichen Lungenerkrankungen bereits im Mutterleib. Der Jugendpsychiater Johannes Hebebrand aus Essen spricht über ein neues Klassifikationssystem der psychischen Erkrankungen, das sich von vielen stigmatisierenden Begriffen verabschiedet. Naturwissenschaftliche Forschung, so erfahren wir, kann „unglaublich glücklich“ machen. Fortschritte und Entdeckungen motivieren, lassen Träume wahr werden. „Hart, aber auch schön“ sei das Forscherleben, so der Physiker Gerhard Rempe aus Garching. Auf manche Glücksmomente müsse man Jahrzehnte hinarbeiten.
Muss man Wissenschaftler sein, um prägende Entdeckungen zu machen? Gibt es das Glück der Erkenntnis auch im Bereich des Glaubens, der Lebensweisheit, der Spiritualität? Mit großen Worten und Erwartungen sind wir hier eher vorsichtig geworden, wenngleich ein Blick in die Geschichte des Glaubens genügt, um auch dort Revolutionen und umwälzende Momente zu finden. Hat nicht Franz von Assisi mit der Entdeckung der Armut, „seiner Braut“, die hochmittelalterliche Kirche um eine Dimension erweitert? Führte nicht Martin Luthers Erkenntnis eines „gnädigen“ Gottes, der unsere guten Werke keineswegs wie Erbsen zählt, zu einer theologischen wie kirchlichen Revolution? Hat nicht Johannes XXIII. mit seiner „Fensteröffnung“ die Kirche in die Moderne hineingeführt? Haben die historisch-kritischen Wissenschaftler die Bibellektüre nicht neu vermessen? Solche Entdeckungen waren epochal, manchmal verstörend, doch letztlich fruchtbringend. Und es ist keine Banalität, wenn man geistliche Entdeckungen auch im Leben des Einzelnen sucht, ja fordert. Kaum etwas ist so bedrückend wie ein religiöser Mensch, der sich im Gestern verschanzt, der seine Kindheitsmuster – womöglich voller Stolz – lebenslang wiederholt.
Der Schatz des Glaubens ist ohne eine Berührung mit dem tatsächlichen Leben belanglos. Diese Berührung aber ist auf ein Exerzitium, auf Arbeit und Hartnäckigkeit angewiesen. Heute stehen auch dem theologischen Laien inspirierende Werke zur Verfügung, die seine Fragen aufnehmen und mit dem Heute verbinden. Wer beispielsweise mit dem Religionspädagogen Hubertus Halbfas über die Bibel, mit dem dichtenden Salzburger Theologen Gottfried Bachl über Jesus oder mit Richard Schröder aus Berlin über Gottesglauben und Atheismus nachdenkt, wird nicht sagen können, dass Glaube und Religion weltenthoben und lebensfremd seien. Wer sich in eines der Exerzitienangebote traut und etwas Glück hat, wird sein Gebetsleben neu ausrichten, wird vielleicht den Frauen im Evangelium neu begegnen, wird den Juden Jesus wiederentdecken oder die Kraft der tiefenpsychologischen Deutung der biblischen Bilder kennenlernen. Das Land des Glaubens ist vielfältig und groß, überraschend, manchmal auch verwirrend. Wir sollten es geduldig erforschen. Denn hier können uns die Pioniere und die Heiligen zwar vorausgehen. Die Wege des Glaubens aber muss jeder selbst abschreiten. Ein reifer Glaube fällt niemandem in den Schoß. So mag die Frage nach der „Entdeckungsgeschichte“ und nach der „Beglückung“ nicht nur in den Naturwissenschaften vielfältige, fortwährende Antworten finden. Das noch frische Jahr könnte auch im Glauben ein Jahr der Entdeckungen werden. Alles, was wertvoll ist, was tragen soll, ist ohne Anstrengung nicht zu haben. Manchmal aber ist auch das Glück des Entdeckers „unglaublich“.

(aus: Christ in der Gegenwart, Ausgabe 2/2013, S. 27)



Hinweis:

Essay:
"In Mülleimern und in Bibeln."
Der abwesende Gott im Gedicht.
In: Aleksandra Chylewska-Tölle (Hg.):
"Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe."
Die christliche Botschaft in der deutschsprachigen
Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg.
Nordhausen 2011, 165-191.




***

Aus meinen Publikationen:



1.
Religiöser Leitartikel aus:
Christ in der Gegenwart 32/2010
Vgl. www.christ-in-der-gegenwart.de


Der Dank gehört zu den urtümlichen menschlichen
Empfindungen.
Aber wem gilt er?



Gedicht meines Lebens

„Vielen Dank für die Wolken.“ Mit diesem schlichten Satz beginnt eines der erstaunlichsten Gedichte der deutschen Nachkriegslyrik. Der vielseitige Hans Magnus Enzensberger, der stets Wert darauf gelegt hat, die üblichen Schemata von „links – rechts“ oder „religiös – nichtreligiös“ zu überschreiten, hat es verfasst. Das Gedicht besteht aus Dankesworten, aus wohlgesetzten Elementarteilchen wie Großereignissen eines intellektuellen Lebens. „Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier“, lautet der zweite Vers, und im Reigen des Dankenswerten sind die „warmen Winterstiefel“ genauso zu finden wie „mein sonderbares Gehirn“ und „natürlich“ der Bordeaux. Zuletzt bedankt sich der Dichter für die vier Jahreszeiten, für die Eulersche Zahl, speziell auch für den Schlaf „und, damit ich es nicht vergesse, / für den Anfang und das Ende / und die paar Minuten dazwischen / inständigen Dank, / meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch“. Enzensberger will nicht pathetisch sein, und der herausgehobene „Schlaf “ und die „Wühlmäuse“ sorgen für die ironische Brechung. Die eigentliche Pointe aber steckt im Titel: „Empfänger unbekannt – Retour à l’ expéditeur.“ Der Dank, der wie das Staunen zu den urtümlichen menschlichen Empfindungen gehört, ist hier unzustellbar. Denn wem soll man für all die unfassbare Fülle, für das Geschenk des Seins, danken? Üblicherweise wird der Dank von Person zu Person ausgedrückt. Natürlich kann der Musikliebhaber dem großen Bach danken, der Weinfreund den fintenreichen Bordeaux-Winzern. Doch spätestens bei dem „sonderbaren Gehirn“, dem Schlaf oder auch bei den Wühlmäusen wird es schwierig – von dem Wundersamen, auf das sich die „Zahl e“ bezieht, ganz zu schweigen. Kann man sich bei der Natur bedanken, bei der Evolution, bei der Bewegung hinzur zunehmenden Komplexität? Das widerspricht unserer Intuition. So bleibt, schließt man sich dem religiösen Gedanken von einem Schöpfer nicht an, eine leere Stelle, ein Unbehagen. „Wer weiß schon, wem wir dieses Schauspiel zu verdanken haben?“, variiert Enzensberger in seinen Gedichten ein ums andere Mal.

Im Herzen und auf der Zunge

Ein Christ hat nicht unbedingt „mehr“ Antworten parat, doch er kennt einen Adressaten für seinen Dank, für seine Fragen und auch seine Klagen, schreibt Klaus Nientiedt, Chefredakteur der Freiburger Bistumszeitung „Konradsblatt“. Ob das nicht ein so knapper wie eindringlicher Hauptsatz des Glaubens ist? Kein Satz für die Lehrbücher, gewiss, und doch bedenkt er das, was uns im Tiefsten herausfordert: das Geheimnis von „Anfang und Ende“ und auch die „paar Minuten dazwischen“. Vor allem die paar Minuten unseres Lebens, in denen stets so viel Schönheit und Glück, so viel Last und Versäumnis enthalten sind. Der christliche Glaube entfaltet die Botschaft, dass unsere Lebensfragmente auf ein Ganzes ausgerichtet sind; dass sie den eisernen Griff der Zeit und des Zufalls überschreiten, um am Ende des Lebens- Laufs beim Schöpfer anzukommen. Es ist eine kühne Botschaft, staunenswert und herausfordernd. Ob sie auch danken lehrt? Von Schätzen, die nicht abnehmen, ist im Lukas-Evangelium die Rede, von Kostbarkeiten, die unser Herz bewegen (vgl. 12,33f). Wir ahnen wohl, was damit gemeint ist. Solche Schätze entdecken wir in den grundlegenden Erfahrungen unseres Lebens, im Liebenswürdigen, im Guten und Faszinierenden. Demgegenüber verblasst letztlich alles, was unsere Gier und unsere Angst zusammenraffen. Das mag eine „Binsenweisheit“ sein, ein wenig verstaubt und tausendmal gehört. Doch gerade an dieser Stelle lohnt es sich, in das Exerzitium einzustimmen, das Hans Magnus Enzensberger vollzieht. Welche Erfahrungen und Ereignisse, welche Schätze fänden Eingang in „mein“ Lebensgedicht? Wofür bin ich dankbar? Wer wäre, im Kleinen und im Großen, der Adressat meines Dankes? Den Dichter selbst haben diese Fragen nicht losgelassen. Folgt man seiner „Coda“ (2009), einem lyrischen Rückblick auf sein Leben, so entscheiden nicht die Großintellektuellen über den Geschmack und die Farbe des Lebens. Die Schätze, die für Enzensberger wahrhaft erstaunlich sind, liegen in der Alltäglichkeit, dort, wo kleine, „bucklige“ Menschen Ordnung bringen in das Chaos, das andere leichthin verursachen: „Die meine ich, / die einzigen, die immerzu etwas ausrichten, / wenn auch nur das, was ihnen möglich ist: / etwas Winziges, Vorläufiges, Rätselhaftes, / und woher es kommt, dass sie nicht aufgeben, / das wüsste ich gern.“ Lauter Kostbarkeiten auch hier, der Dank im Herzen und auf der Zunge. Möge er einen Adressaten finden.




2.
Zu: Leszek Ko
łakowski


«Es geht uns um die Vision einer Welt, in der die am schwersten zu vereinbarenden Elemente menschlichen Handelns miteinander verbunden sind, kurz, es geht uns um Güte ohne Nachsicht, Mut ohne Fanatismus, Intelligenz ohne Verzweiflung und Hoffnung ohne Verblendung. Alle anderen Früchte des philosophischen Denkens sind unwichtig.» Leszek Kołakowski


Eine Würdigung von Leszek Kolakowski.
In: Neue Zürcher Zeitung, 18./19. Juli 2009, 23.

Der Priester und der Narr. Zum Tod von Leszek Kołakowski.
Von Christian Heidrich

Mitte der sechziger Jahre war Leszek Kolakowski der unbestrittene Star der Warschauer intellektuellen Szene. Das galt nicht nur für den engen Zirkel der akademischen Philosophen, sondern auch und vor allem für die Schar derer, die sich weder mit der kommunistischen Orthodoxie noch mit der Scholastik der katholischen Kirche abfinden wollten. Angesichts der Menschenmenge, die in jener Zeit zu Kolakowskis öffentlichen Vorlesungen strebte, stellte der Reporter einer Zeitschrift fest, dass «in Warschau nicht nur ein Bedürfnis nach Fernsehapparaten, Kühlschränken, Möbeln und Rindfleisch» herrsche, sondern offensichtlich auch «eine grosse Nachfrage nach Philosophie». Diesem Bedürfnis schien der junge Philosophieprofessor zu entsprechen: durch ein Denken, das in redlicher, nachvollziehbarer und undogmatischer Weise die grossen Fragen der Existenz anpackte. Durch ein Denken auch, das den wissenschaftlichen Zugriff mit dem artistischen Habitus verband. Wenn Kolakowski über Freiheit und Notwendigkeit, über Teilhard de Chardin oder über den Tod sprach, dann flüchtete er sich nicht in gedämpfte Höhlen der Fachbegriffe und Anmerkungsapparate. Er zollte vielmehr ungeschützt ein «Lob der Inkonsequenz», führte «Gespräche mit dem Teufel», erinnerte an Jesus Christus, den «Propheten und Reformator». Wer diese Versuche nach Jahrzehnten liest, wird nicht behaupten können, dass es eine Philosophie zu verbilligten Preisen, gar etwas Erbauliches war. Er entdeckt vielmehr einen Warschauer Sokrates, dem die Verführung zum Denken wichtiger ist als die nächste dickleibige Schrift, die in Fachkreisen auf wohlwollende Aufnahme stösst.Philosophie, TheologieKolakowskis Deutung der philosophischen Existenz lässt sich wohl am treffendsten durch ein Begriffspaar erfassen, das er zum Titel eines Essays erhob: «Der Priester und der Narr». Dieser im Jahre 1959 veröffentlichte Aufsatz setzt mit der pointierten Feststellung ein: «Die Philosophie hat sich niemals vom Erbe der Theologie freigemacht.» Denn, so die Argumentation, fortwährend nehme sie Fragestellungen auf, die ursprünglich in der Theologie beheimatet waren und die ihre erste Färbung auch unter geänderten Vorzeichen nicht verlieren. So gebe es auch in der Philosophie den Drang nach einer «laizistischen Eschatologie», die Suche nach dem «absoluten Beginn», den Wunsch, das Wesen des Menschseins in einer offenbarungsähnlichen Formel zu bestimmen. Kolakowski spricht von der «permanenten Jagd nach dem Stein der Weisen», die sich von den fortgesetzten Misserfolgen nicht entmutigen lässt. Neben der Suche nach dem Absoluten gibt es freilich auch eine Flucht davor, ein Bedürfnis, die jeweils aufgestellten Absoluta in Frage zu stellen.Kolakowski nennt diese Situation einen Antagonismus zwischen den Priestern und den Narren, einen die Geisteskultur prägenden Wettbewerb zwischen dem «Wächter des Absoluten» und dem «Zweifler». Wie im weiteren Verlauf des Essays deutlich wird, fühlt sich Kolakowski selbst der Narrenzunft zugehörig, jenen also, deren Aufgabe es ist, ständig darüber nachzusinnen, «ob nicht die entgegengesetzten Ideen Recht haben». Gleichwohl steht für ihn fest, dass auch die Priester eine Existenzberechtigung haben, «wenn das Ganze nicht in die Luft fliegen soll».«Der Priester und der Narr» erscheint aus mehreren Perspektiven als ein Dreh- und Angelpunkt des Kolakowski'schen Denkens. Ende der fünfziger Jahre schliesst Leszek Kolakowski seine marxistische Phase ab, die wohl genauer noch als seine prometheische zu bezeichnen ist. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges ging es dem 1927 in der Industriestadt Radom (hundert Kilometer südlich von Warschau) geborenen Philosophen um einen Abschied von den offensichtlich kraftlos gewordenen abendländischen Traditionen. Präziser: um eine neue Welt, in der die sozialen Gegensätze und Widersprüche in einem Absprung aus der «bisherigen» Geschichte aufgehoben wären. «Der Marxismus war die grösste Phantasie unseres Jahrhunderts», resümierte Kolakowski Jahrzehnte später in seinem Monumentalwerk «Die Hauptströmungen des Marxismus».Doch war dies die Sicht eines Ernüchterten, der wie der biblische Jakob erst am Morgen danach feststellen konnte, dass seine Leidenschaft nicht der schönen Rahel, sondern der mattäugigen Lea gegolten habe. Für Kolakowski brach spätestens im Jahre 1956 jener Morgen an. Es war das Jahr, in dem Chruschtschew die Verbrechen des Stalinismus enthüllte, das Jahr auch, in dem sich die Bevölkerung der sozialistischen Länder gegen die neuen Fürsten erhob. Kolakowski musste erkennen, dass die «konsequente» Teilung der Welt in Schwarz und Weiss, in Revolutionäre und Antirevolutionäre eine Mär war. Schlimmer noch: dass sie den Ausgangspunkt bildete für die fundamentale Missachtung der Menschenrechte und für die Ausbildung von neuen Eliten und dumpfen Machtapparaten. Im Rückblick wird Kolakowski von der allmählichen Erkenntnis einer «einfachen Wahrheit» sprechen. Von der Einsicht, «dass die Gewalt Gewalt zeugt und keine Freiheit, dass der Terror Terror ist und kein Weg zur Gerechtigkeit, kurz, dass die Mittel notwendigerweise den Sinn der Zwecke bestimmen».Conditio humanaAls Kolakowski «Der Priester und der Narr» veröffentlicht, hat er seine Stellung im Königreich der Philosophie noch nicht gefunden. Die Motive freilich, die er fortan aufgreifen wird, sind angeklungen. Und so wird aus dem «linken» Denker nach und nach ein erstrangiger Kritiker der Marx'schen Ideologie (ein 1978 erschienenes Werk von Ossip Flechtheim war nicht zufällig «Von Marx bis Kolakowski» tituliert); aus dem nichtreligiösen Existenzialisten wird ein Philosoph, der sich immer mehr dem Mehrwert des Mythos, aber auch den christlichen Traditionen nähert. Inhaltlich wird in so gut wie jeder seiner zahlreichen Veröffentlichungen der Gedanke durchschimmern, dass unsere Existenz sowohl des Priesterlichen als auch des Närrischen bedürfe; dass bei jeder praktischen Umsetzung noch so hehrer Ideale nie vergessen werden dürfe, dass die menschliche Existenz eine «löchrige», eine gebrochene sei.Die Konsequenz aus dieser nur scheinbar banalen Erkenntnis pflegte Kolakowski mit dem Ausruf eines Warschauer Strassenbahnschaffners zu veranschaulichen: «Bitte vorwärts zurücktreten!» Dieser paradoxe Zuruf sei der conditio humana angemessen. Denn, so eines der Kolakowski'schen Aperçus: «Hätten nicht die neuen Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition revoltiert, würden wir noch heute in Höhlen leben; wenn die Revolte gegen die ererbte Tradition einmal universell würde, werden wir uns wieder in den Höhlen befinden.» Später drückt Kolakowski diese Einsicht überraschenderweise mit der Wiederaufnahme des Begriffes «Erbsünde» aus. In einer seiner zahlreichen Variationen zu diesem Motiv merkt er an: «Für jedes Stück, das wir Fortschritt nennen, müssen wir zahlen, und wir können Aufwand und Gewinn nicht miteinander vergleichen. Dass wir keine solche Bilanz ziehen können, ist bereits Teil unseres unheilbaren Krüppelwesens.»Als der Warschauer Denker Ende 1968 Polen als ein «Emigrant mit einem gültigen Pass» verlässt, bewahrt ihn seine Berühmtheit vor der Tristesse eines Exilantendaseins. Zwar wehrt sich die marxismusbewegte studentische Fachschaft «erfolgreich» gegen den Vorschlag Jürgen Habermas', Kolakowski auf den Adorno-Lehrstuhl in Frankfurt am Main zu berufen. Doch findet der polnische Philosoph bald eine dauerhafte Wirkungsstätte im ehrwürdigen Oxforder All Souls College. Hier kann er sich, unbelastet von weitreichenden Lehrverpflichtungen, den Themen seines Lebens widmen. Hier kann er die «Hauptströmungen des Marxismus» zu Ende führen, hier kann er dem Glanz und dem Elend seiner Profession unter dem Stichwort «Horror metaphysicus» nachgehen, hier kann er auch die Wege und Abwege der Theologie abschreiten und sein Tun unter das beinahe vergessene Dostojewski'sche «Falls es keinen Gott gibt» stellen.Als Kolakowski im Oktober des Jahres 1977 mit dem Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels geehrt wird, wird die Festversammlung mit den terroristischen Ausläufern des Marxismus konfrontiert. Es sind die Tage, da sich Deutschland im Schatten von Mogadiscio, im Schatten der Entführung von Hanns Martin Schleyer befindet. In einer denkwürdigen Koinzidenz hatte Kolakowski schon Monate zuvor als Thema seiner Dankesrede die Gegenüberstellung von Hass und Würde gewählt, genauer: «Die Erziehung zur Würde» und «Die Erziehung zum Hass». Nur wenigen sei es gelungen, so führt er nun aus, sich vollkommen des zerstörerischen Hassgefühls zu enthalten, gar der religiösen Überlieferung zu folgen und den Feinden Gutes zu erweisen, für sie zu beten. Doch gerade diesen Menschen weist Kolakowski eine Bedeutung zu, die weit über ihren vordergründigen Einfluss hinausreicht: «Auf den Schultern dieser wenigen ruht das Gebäude unserer Zivilisation, und das Geringe, wozu wir fähig sind, verdanken wir ihnen.»Zwei Jahrzehnte zuvor, in «Der Priester und der Narr», hatte Kolakowski eine ähnliche Maxime formuliert, die man mit guten Gründen als das Leitmotiv seines sokratisch-praktischen Denkens verstehen kann: «Es geht uns um die Vision einer Welt, in der die am schwersten zu vereinbarenden Elemente menschlichen Handelns miteinander verbunden sind, kurz, es geht uns um Güte ohne Nachsicht, Mut ohne Fanatismus, Intelligenz ohne Verzweiflung und Hoffnung ohne Verblendung. Alle anderen Früchte des philosophischen Denkens sind unwichtig.» – Am Freitag ist Leszek Kolakowski in Oxford im Alter von 81 Jahren gestorben.



Was an der Zeit ist









1. Aufl.  2006 - Verlag Herder
Format: 13,9 x 21,4 cm, 256 Seiten
Gebunden mitSchutzumschlag und Leseband
€[D] 19,90 / sFr34.90 
ISBN: 978-3-451-29224-8


Aktuelle Rezension: CiG 41/2006 

Auf der Suche nach der Glut
Christian Heidrichs religiöse Essays  

Es gibt nur wenige Bücher, in denen so engagiert, so mitreißend, so gedankentief und zugleich so lebensnah nach dem Kern des Evangeliums gesucht wird, wie in Christian Heidrichs „Auf der Suche nach der Glut“. Die Essays, als religiöse Leitartikel ursprünglich im „Christ in der Gegenwart“ erschienen, regen zum eigenen Suchen nach dem glühenden Feuer im Innersten der Frohen Botschaft an. Wo sich anderswo seichte, oft kitschige Trivialitäten oder leere, bedeutungslose Phrasen finden, pflegt Heidrich ein behutsames Nachdenken, das zwischen Evangelium und unserer Welt zu vermitteln weiß. Er tut dies in einer ganz eigenen, nie floskelhaften, nie erstarrten Sprache.
Seine Beiträge unterliegen somit nicht der Gefahr, das Evangelium – und damit auch das Christsein – auf „Glaubensinhalte“ oder moralische Imperative zu reduzieren. Was Heidrich auf seiner Suche nach der Glut findet, ist eine Kraft wider die Schwerkraft unseres Lebens, die Hoffnung auf Heil für unsere immer unvollendete, immer auch gebrochene Existenz. Denn der Glaube, so herausfordernd er immer auch ist und so mühevoll und schwierig unser Leben sein mag, verbiete letztlich jede Hoffnungslosigkeit. Christsein bedeute „nicht Erfolg, sondern den steten hoffnungsvollen Versuch; nicht die messianische Glorie, sondern das mühselige Geschäft des Tages – das zugleich vom Glauben durchdrungenist, daß schon ,ein anderer‘, jener andere, den Weg vor uns gegangen ist“.
Dies ist eine der vielen Kurzformeln des Glaubens, die Heidrich auf seinen Suchgängen findet und entfaltet. Das Evangelium wird in ein faszinierendes Gespräch gebracht mit Philosophie, Literatur und Dichtung, mit den Lebens- und Alltagserfahrungen unserer Gegenwart, mit Politik und Geschichte oder Kunst und Musik.
Das Buch ist als Jahreslesebuch aufgebaut – und doch mag man als Leser die Lektüre nicht unterbrechen wollen. So liest man weiter und folgt einer Einladung, auf die Kraft des Ungewöhnlichen zu setzen. „Denn nur diese wird unsere verletzte, sündige Welt retten können“.
Holger Zaborowski


Christian Heidrich:
„Auf der Suche nach der Glut“
Essays zum Evangelium
(Verlag Herder, Freiburg
2006, 254 S., 19, 90 )


Die polnische Fassung erschien 2009 im Verlag "Jednosc" in Kielce
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